Nachruf Prof. Dr.rer.nat. Dr.-Ing. e.h. Winfried Dahl

12.07.2019
  Das Gemälde der Aachener Künstlerin Janet Brooks Gerloff zeigt Winfried Dahl an seinem Schreibtisch im Institut im Jahr 2003. Urheberrecht: Janet Brooks Gerloff Das Gemälde der Aachener Künstlerin Janet Brooks Gerloff zeigt Winfried Dahl an seinem Schreibtisch im Institut im Jahr 2003.

Es begann im Bergischen Land, genauer in Elberfeld, wo Winfried Dahl am 13. August 1928 geboren wurde. Nach dem Abitur 1947 in Wipperfürth und einer zunächst begonnenen Lehre als Feinmechaniker folgte ab dem WS 1947/48 das Studium der Physik in Göttingen. Hier am Institut für Metallkunde wurde auch die Doktorarbeit über das Alterungsverhalten von Eisen mit geringem Kohlenstoffgehalt angefertigt; Herr Dahl wurde 1953 zum Dr.rer.nat promoviert. Die erste Berufsstation war dann das Max-Planck-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf, wo Themen zu Phasenumwandlungen und zur Verformung von Stahl bearbeitet wurden. In den Jahren 1957 und 1958 war er Oberingenieur am Institut für Metallkunde der TU Berlin, bevor er dann am 1.7.1958 in das Mannesmann-Forschungsinstitut in Duisburg-Huckingen eintrat. Es folgte ein schnelle Karriere; bereits im Jahr 1965 wurde er Abteilungsdirektor und Leiter der Hauptabteilung Metallkunde.

Zum 1.3.1969 folgte Herr Dahl dann dem Ruf an die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen und wurde zum Professor für Eisenhüttenkunde und zum Direktor des gleichnamigen Instituts ernannt. Er trat die Nachfolge von Prof. Hermann Schenk an und wurde somit zum 6. Amtsinhaber seit Anfang der metallurgischen Ausbildung in Aachen im Jahre 1871. Gleich zu Beginn stand er im Blickpunkt der akademischen Öffentlichkeit. Anlässlich der 100-Jahrfeier der RWTH Aachen 1970 wurde ein internationales Kolloquium zur „Kinetik metallurgischer Prozesse“ durchgeführt und die RWTH verlieh die Ehrendoktorwürde gleichzeitig an 4 international bekannte Metallurgen. Mit Winfried Dahls Berufung verlagert sich der Schwerpunkt des Instituts von der metallurgischen Grundlagenforschung zu anwendungsorientierter Werkstoffforschung ohne das Grundprinzip der integrativen Sichtweise auf Stahl bezüglich Herstellung, Verarbeitung, Anwendung aufzugeben. Neben Winfried Dahl (Eisenhüttenkunde) waren Anfang der 70iger Jahre noch die Professoren Eugen Schmidtmann (Werkstoffprüfung, Werkstoffkunde und Eisenlegierungen), Werner Wenzel (Metallurgie und Eisenhüttenprozesse), Klaus Lange (Eisenhüttenkunde) und Tarek El Gammal (Metallurgie der Eisenhüttenprozesse) am Institut.

An der RWTH erkannte man schnell auch die Managementfähigkeiten von Herrn Dahl, so dass ihm Aufgaben der akademischen Selbstverwaltung übertragen wurden. Von 1969 bis 1972 war er Leiter der Fachabteilung Hüttenkunde, von 1972 bis 1974 Dekan der Fakultät für Bergbau und Hüttenwesen. 1978, also nur 2 Jahre nach dem Ende der Kulturrevolution, nahm Herr Dahl an einer durch das BMFT organisierten China-Reise teil, die zum Abschluss einer Kooperation zwischen der University of Science and Technology in Peking und der RWTH Aachen führte; es war der erste Vertrag zwischen einer chinesischen und einer deutschen Universität und es war der Beginn einer erfolgreichen, langjährigen Kooperation; das 40-jährige Jubiläum wird im September 2019 in Peking feierlich begangen werden.

Das Institut erlebte unter Herrn Dahl einen großen Aufschwung. Noch Ende 1969 konnte eine erste Hallenerweiterung in Betrieb genommen werden, die Werkstoffprüfung wurde in den Jahren 1972 bis 1973 neu ausgestattet, 1978 wurde die 12 MN-Resonanzprüfmaschine in Betrieb genommen, damals die größte Zugprüfmaschine der Welt. 1985 folgte erneut eine Hallenerweiterung. 1993 war er Mitinitiator des Zentrums Metallische Bauweisen e.V., einem Zusammenschluss von 6 Instituten aus 3 Fakultäten der RWTH mit dem Ziel der kooperativen Stahlanwendungsforschung.

Die wissenschaftlichen Schwerpunkte lagen bei der Erforschung und Anwendung bruchmechanischer Prinzipien für die sichere Auslegung von Stahlkonstruktionen, bei Grundlagenuntersuchungen zum Zähigkeitsverhalten und, für die damalige gesellschaftliche Diskussion noch visionär, bei der Methodenentwicklung für energie- und ressourcenarme Produktionsprozesse. Letzteres geschah im Sonderforschungsbereich 144, dem er 12 Jahre lang von 1983 bis 1995 als Sprecher vorstand. Herr Dahl hat bei mehr als 300 Promotionsverfahren mitgewirkt und mehrere Generationen von Aachener Eisenhüttenleuten geprägt. Seine Veröffentlichungsliste reicht von 1954 bis 2010. Besonders stolz war er auf seine Tätigkeit im Editorial Board der Zeitschrift Archiv für das Eisenhüttenwesen (heute: steel research international) und auf das gemeinsam mit langjährigen Weggefährten herausgegebene Handbuch Stahl (Springer 1984). Zu erwähnen ist aber auch, dass seine Vorlesungsskripte nicht nur bei den Studierenden der RWTH, sondern auch an anderen Universitäten und bei vielen Ingenieuren der Industrie beliebt waren.

Herr Dahl war in zahlreichen nationalen und internationalen Organisationen präsent. Er nahm regelmäßig an den Treffen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft DPG, der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde DGM, des Deutschen Verbands für Materialforschung und -prüfung DVM und besonders intensiv des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute VDEh teil. Herr Dahl war 65 Jahre persönliches Mitglied im VDEh und diente von 1988 bis 1993 als Vorsitzender des Werkstoffausschusses, zu dessen Ehrenmitglied er ernannt wurde. Als stellvertretender Vorsitzender des VDEh-Schulausschusses hat er an der Entwicklung neuer Studien- und Weiterbildungskonzepte mitgearbeitet. Hier sind das Aufbaustudium für Führungskräfte der Stahlindustrie und das Zusatzstudium Stahl der Stahlakademie zu nennen; letzteres erfährt in diesem Jahr seine 20. Neuauflage. Über lange Zeit war er Vorsitzender des Fachbeirats des Max-Planck-Instituts für Eisenforschung, Mitglied im Fachbeirat des Betriebsforschungsinstituts und des Fraunhofer-Instituts für Werkstoffmechanik sowie Vorsitzender des Beirats der Otto-Junker-Stiftung. Er hat als Gutachter der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen, der Alexander von Humboldt-Stiftung und über viele Jahre der Deutschen Forschungsgemeinschaft ehrenamtlich gearbeitet.

Sein großes Engagement wurde in zahlreichen Ehrungen gewürdigt. Dazu gehören die Ehrendoktorwürde der TU Bergakademie Freiberg im Jahr 1990, die Ehrenprofessur der University of Science and Technology in Peking 1980 sowie das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland 1995. Er erhielt 1993 die Erich-Siebel-Gedenkmünze des DVM, war 2007 der erste Preisträger des gemeinsam von DGM, VDEh und DVM verliehenen Galileo-Preises und wurde 2010 vom Stahlinstitut VDEh mit der Carl-Lueg-Denkmünze ausgezeichnet.

Prof. Winfried Dahl wurde im Jahr 1993 emeritiert, führte aber zunächst die Geschäfte weiter, bis sein Nachfolger 1994 antrat. Noch lange nach seiner Emeritierung nahm er regelmäßig Aufgaben in der Forschung und der Doktorandenbetreuung wahr, nutzte sein Büro nahezu täglich und stand dem Institut in vielen Belangen mit seiner vielschichtigen Bildung und seiner großen Menschenkenntnis zur Seite. In Erinnerung bleiben seine warmherzige, den Menschen zugewandte Persönlichkeit, sein feinsinniger Humor, sein offenes Ohr für alle Mitarbeiter, sein nicht nachlassendes Interesse an aktuellen Themen aus Wissenschaft, Industrie und Gesellschaft.

Winfried Dahl liebte seine Familie und seine Enkelkinder. Er war ein großer Gartenfreund, genoss Wintersport, italienische Küche und besonders das Eis zum Nachtisch war ein Muss.

Prof. Winfried Dahl uns hat am 12. Juli 2019 nach einem erfüllten Leben verlassen. Wir vermissen ihn sehr.

Aachen, den 17. Juli 2019

Wolfgang Bleck